Die Arbeiter der ersten Stunde haben ganz ungeteilt unsere Sympathie und wäre es nicht Jesus, der uns dieses Gleichnis erzählt, so würden wir ihnen gerne und ungeteilt beipflichten. Wie kann ein Arbeitgeber den gleichen Lohn für alle auszahlen, wenn die einen das Zehnfache geleistet und sich in stundenlanger Hitze abgeplagt haben? „Gott kann alles, aber rechnen kann er nicht!“, so sagt es die Hl. Theresia von Lisieux und trifft damit den Kern dieser Beschreibung Gottes, der mehr gibt als man braucht, der jedem in Fülle gibt und der in dieser Freigebigkeit nicht mehr berechnet, ob eine bestimmte Leistung vorausgegangen und erfüllt ist. Dies spiegelt sich auch in dem, was Jesus tut, wider, wenn Wein, Fische und Brot im Übermaß vorhanden sind, weit über das hinaus, was nach menschlichen Maßstäben zu erwarten oder notwendig wäre. Gott rechnet nicht ab und rechnet nicht auf, wenn er gibt, dann gibt er alles!
Das Gleichnis stellt einen König vor, der kein Problem hat, ein unermesslich hohes Vermögen zu verlieren, zu verschenken, wenn er seinem Knecht die unvorstellbare Summe von 60 Millionen Denare erlässt. Er hat also offensichtlich kein Problem, jede noch so große Schuld zu erlassen! Nur da, wo der andere, dem so viel vergeben wurde, nicht in die gleiche Gesinnung seines Herrn eintritt und seinem eigenen Schuldner, der ihm nur eine vernichtend kleine Summe schuldet, im Gleichnis 100 Denare, mit Unnachgiebigkeit und Härte begegnet und alles aus ihm herauszupressen versucht, dort wird aus der Drohbotschaft der Vergebung ein „Wehe“ über den Hartherzigen, der nicht „aus ganzem Herzen seinem Bruder verzeiht.“
Wenn Jesus von der Zurechtweisung spricht, kann dies nur im Kontext so vieler anderer Worte stehen, in denen er dazu auffordert, sich nicht über den anderen zu erheben. Zu einem hingehen, kann immer nur mit dem Ziel geschehen, ihn zurückzuführen und ihn durch den Blick unter vier Augen und mit meiner Sorge so zu lieben verstehen, dass er sich zurückgewinnen lässt. Gleich auf dieses Wort von der Zurechtweisung folgt Jesu Wort von der Lösegewalt, die er hier allen Jüngern zuspricht. Und er betont die Verantwortung, die der einzelne hat, auch durch die lösende Kraft seiner Worte, wenn er es versteht, sich unter die Lebenslast des anderen zu beugen.
Durch alle Begegnungen hindurch, in denen Jesus etwas Großes und Entscheidendes für die Bittenden bewirkt, zieht sich wie ein roter Faden die Frage nach dem Glauben dessen, der etwas von ihm erwartet. Und wo Jesus wie in seiner Heimat keinen Glauben findet, dort kann er auch nicht wirken. Der Glaube des Einzelnen bewirkt etwas und öffnet die Tore, damit Gott in dieser Welt etwas tun kann. Dort, wo wir unseren Glauben aussprechen, uns dazu entscheiden und uns zu Jesus bekennen, dort beginnt Gott auch zu wirken, weil Er dann sein göttliches Leben in uns verschenken kann.
Es ist eine Episode, die bisweilen die Luft anhalten lässt! Da ist eine Frau hinter Jesus, die bittet, ruft und argumentiert, aber Jesus gibt keine Antwort. Schlimmer noch, als es auch für die Jünger unangenehm wird und sie Jesus auffordern, etwas zu tun, damit sie Ruhe gibt, da kommt es noch schlimmer. Es gibt Heil, es gibt Leben, aber die Antwort Jesu macht ihr deutlich: nicht für sie! Was bedeutet diese vorübergehende Abweisung, die dann in größter Zuwendung endet, wenn Jesus das überwältigende Wort zu ihr sagt: „Es soll geschehen, was du willst!“ und ihr damit einen Blankoscheck ausstellt?