Am vierten Ostersonntag steht uns immer das Bild des Hirten vor Augen. Es ist einerseits ein Bild von grünen Wiesen und satten Weiden, von Bächen mit frischem Wasser und Ruheplatz, aber es ist auch das Bild des Hirten, der sein Leben für seine Schafe gibt.
Jesus sagt das bewegende Wort, dass ihm die Schafe vom Vater gegeben sind und dass Hirte und Schafe einander kennen und miteinander vertraut sind. Und hinter dieser Einheit zwischen Hirt und Herde steht die Einheit des Sohnes mit dem Vater, in die weder ein Spalt noch der geringste Haarriss der Trennung und Verweigerung kommen kann. Der Hirte ist eingeladen, in diese Einheit einzutreten und in dieser Einheit zu bleiben, um sein Leben im Dienst an den Brüdern und Schwestern hinzugeben.
Es ist wie eine zweite Berufung des Petrus, die sich hier am Morgen, am See, abspielt: ein Mann steht am Feuer, den er nicht kennt, es ist eine Nacht ohne den erhofften Fischfang vorausgegangen und dann, als Petrus erfährt, wer dort am Ufer ist, wirft er sich in den See und schwimmt. Bei der ersten Berufung hat sich Petrus Jesus zu Füßen geworfen mit der Bitte: „Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch!“ und hier gesteht er dreimal seine kleine, menschliche Liebe, wie der griechische Test erkennen lässt. Doch er weiß sich angenommen von Jesus, der bei der dritten Frage zu erkennen gibt, dass er nicht mehr erwartet, als Petrus geben kann. Und er führt ihn hinein in die Grenzenlosigkeit der Liebe.
Die ganze Schöpfung, alles, was uns umgibt, ist Ausdruck eines überfließenden Herzens, das sich verschenken möchte, das sich selbst mitteilen und verschenken möchte. Unser ganzes Dasein ist eingebettet in den Strom göttlichen Erbarmens, der im Lauf der Zeit und der Geschcihte nicht kleiner wird, sondern mehr und mehr anwächst und, wie in der Vision des Ezechiel, sich nach und nach über alles ergießt und alles erfasst. Auch Sünde und Verweigerung beeinträchtigen nicht die Kraft, vielmehr fordert dies die Zuwendung Gottes heraus. Wo die Sünde mächtig ist, da ist die Gnade übermächtig. Auch deshalb, weil alle die, die selbst der Barmherzigkeit Gottes begegnen, selbst zum Ausbreiten des Stromes beitragen. Wir sind gerufen, Gottes Barmherzigkeit, seine Vergebung, seinen Frieden und seine Zuwendung zur Welt sichtbar zu machen.
Die letzten Tage haben in den weinenden Menschen vor Notre-Dame etwas gezeigt, was auch in der Gestalt von Maria Magdalena gegenwärtig ist, die Johannes heute in den Focus nimmt. In seinem Bericht vom Ostermorgen gibt es nur diese eine Frau, wie sie in Sorge nach etwas fragt, auf das keiner eine Antwort hat: „Man hat meinen Herrn weggenommen.“
Noch im Dunkeln eilt sie zum Grab und weder ist vom anbrechenden Licht, wie bei den anderen Evangelisten, noch ist von anderen Frauen die Rede, auch nicht von Öl und Balsam und Engeln. Sie bleibt allein zurück, als die Jünger gegangen sind und nun überlässt sie sich ihrem Weinen, in das hinein Jesus kommt. Nur in der Begegnung mit ihm, findet sie wieder, was ihr verloren gegangen war, auch ein Stück ihrer Identität.
Die Menschen vor der brennenden Kirche weinen und spüren, dass auch ihnen ein Stück ihrer Identität verloren geht. Und wo die Leere bleibt, wo Gott fehlt, da möchte man lieber nicht sein, wie ein Journalist gesagt hat: „Ich füchte mich vor einer Welt, in der alles erlaubt ist und der Mensch das Maß aller Dinge ist.“
Auch mitten im Passionsgeschehen, in das wir in dieser Woche eintreten, bleibt Jesus der, der heilt. Er heilt nicht nur den Mann, dem Petrus das Ohr abgeschlagen hat, er heilt auch Petrus, der sich durch die Verleugnung von ihm entfernt und distanziert hat, Der liebende Blick holt ihn zurück in die Gemeinschaft, lässt sein Herz aufbrechen und verwandelt ihn. Die tiefste Heilung aber erfährt der Verbrecher am Kreuz, der in der Zusage des Paradieses ein endgültiges Hineingenommensein in die Liebe erfährt.
Allein diese Liebe hat die Kraft, alle Verwundung und Verletzung des Menschen zu heilen. Und es ist die Würde des Menschen, zu dieser Liebe fähig zu sein.